Braunkohlenbergbau im Mitteldeutschen Revier
Das Mitteldeutsche Braunkohlenrevier erstreckt sich über Teile von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Zwischen Halle, Leipzig, Zeitz, Borna, Bitterfeld und dem Geiseltal prägte Braunkohle seit dem 19. Jahrhundert Energieversorgung, Chemieindustrie und Landschaft. Der Abbau wuchs von kleinen Gruben zu großtechnischen Tagebauen; zugleich mussten Ortschaften, Verkehrswege und Gewässer weichen. Nach 1990 wurden viele Betriebe stillgelegt und umfangreiche Sanierungen begonnen. Heute stehen aktive Gewinnung, Montanwachsproduktion, Bergbaufolgelandschaften und der politisch beschlossene Kohleausstieg nebeneinander.
Lagerraum und Abgrenzung des Mitteldeutschen Reviers

„Mitteldeutsches Revier“ bezeichnet keinen einzelnen geschlossenen Tagebau, sondern mehrere Lagerstättenräume. Dazu gehören unter anderem das Weißelsterbecken südlich von Leipzig, das Geiseltal westlich von Merseburg, Räume um Halle, Bitterfeld und Gräfenhainichen sowie das Altenburg-Meuselwitzer Gebiet. Die Abgrenzung fällt je nach geologischer, wirtschaftlicher oder planerischer Betrachtung etwas unterschiedlich aus.
Die Braunkohle entstand überwiegend im Paläogen, das früher als Teil des „Tertiärs“ bezeichnet wurde. In feuchten Senken sammelten sich Pflanzenreste, die unter Luftabschluss zunächst zu Torf und später zu Braunkohle umgewandelt wurden. Die Flöze – bergmännisch nutzbare, annähernd schichtförmige Lager – sind durch Sand, Schluff und Ton voneinander getrennt. Ihre Mächtigkeit und Qualität variieren erheblich. Deshalb entwickelten sich im Revier unterschiedliche Nutzungen: von Feuerungs- und Brikettkohle bis zur bitumenreichen Kohle für Montanwachs.
Vom lokalen Brennstoff zur Industrieregion

Oberflächennahe Kohle wurde örtlich schon vor der Industrialisierung gewonnen. Den entscheidenden Aufschwung brachten im 19. Jahrhundert Dampfmaschinen, Entwässerungstechnik, Eisenbahnen und die wachsenden Städte. Nasse Rohbraunkohle ließ sich nur begrenzt transportieren. Durch Trocknung und Pressung zu Briketts entstand ein lagerfähiger Brennstoff für Haushalte, Gewerbe und Industrie.
Um Halle, Merseburg, Bitterfeld, Leipzig, Böhlen und Zeitz verband sich der Bergbau eng mit Elektrizitätswerken, Brikettfabriken und der chemischen Industrie. Kohle lieferte nicht nur Wärme und Strom: Bei Verschwelung und Weiterverarbeitung entstanden auch Koks, Teere und chemische Ausgangsstoffe. Einen bis heute bestehenden Sonderweg bildet Amsdorf. Dort wird seit 1922 aus bitumenreicher Braunkohle Rohmontanwachs extrahiert, das beispielsweise in Baustoffen, Druckfarben, Pflege- und Gießereiprodukten verwendet wird.
Großtagebau und Fördertechnik im 20. Jahrhundert

Im Tagebau muss zunächst der Abraum – Boden und Gestein über der Kohle – entfernt werden. Sinkende Grundwasserstände werden durch Wasserhebung erzeugt, damit Böschungen und Arbeitsebenen trocken bleiben. Bagger gewinnen Abraum und Kohle getrennt; Bandanlagen oder Grubenbahnen transportieren die Massen. Absetzer bringen den Abraum möglichst in bereits ausgekohlte Bereiche zurück. Das Verhältnis von Abraum zu Kohle beeinflusst Aufwand und Wirtschaftlichkeit.
Während der DDR-Zeit wurde die Förderung stark ausgeweitet. Großtagebaue versorgten Kraftwerke, Brikett- und Chemiebetriebe. Die hohe Produktionsleistung ging häufig mit erheblicher Luft- und Gewässerbelastung sowie Rückständen bei Rekultivierung und Anlagenerneuerung einher. Technik und Betriebsweise waren innerhalb des Reviers nicht einheitlich: Schaufelrad- und Eimerkettenbagger, Bandförderung und zeitweise umfangreiche Grubenbahnnetze wurden je nach Lagerstätte und Betriebsphase kombiniert.
Eingriffe in Siedlungen, Wasserhaushalt und Landschaft

Der Braunkohlenbergbau schuf Arbeitsplätze und industrielle Infrastruktur, griff aber tief in Lebensräume ein. Für Tagebaue wurden land- und forstwirtschaftliche Flächen beansprucht, Straßen und Flüsse verlegt sowie zahlreiche Siedlungen ganz oder teilweise devastiert, also bergbaubedingt aufgegeben. Hinter dieser Verwaltungssprache stehen erzwungene Ortswechsel, der Verlust von Nachbarschaften und kulturellen Bezugspunkten. Die Erfahrungen unterschieden sich nach Ort, Zeit und politischem System.
Die großräumige Grundwasserabsenkung wirkte weit über den eigentlichen Tagebau hinaus. Nach dem Ende der Wasserhaltung steigt das Grundwasser wieder an; dadurch können instabile Kippen, Vernässungen oder belastete Wässer entstehen. Auch geflutete Restlöcher sind daher keine sich selbst überlassenen Seen. Böschungen müssen gesichert, Wasserstände gesteuert und die chemische Wasserqualität langfristig überwacht werden.
Sanierung, heutiger Abbau und Strukturwandel

Nach 1989/90 sank der ostdeutsche Braunkohlenbedarf drastisch. Viele Tagebaue und Veredlungsanlagen schlossen kurzfristig. Die LMBV übernahm wesentliche Altlasten des nicht privatisierten Bergbaus. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem das Sichern und Verdichten von Kippen, der Rückbau von Anlagen, die Behandlung kontaminierter Flächen, die Flutung von Restlöchern und die Wiederherstellung eines möglichst ausgeglichenen Wasserhaushalts. Aus früheren Tagebauen entstanden etwa Seenlandschaften im Leipziger Südraum, im Geiseltal und an der Goitzsche. Freizeitnutzung ist sichtbar, ersetzt aber nicht die fortdauernde bergbauliche und wasserwirtschaftliche Verantwortung.
Gewinnung findet weiterhin statt. MIBRAG betreibt Profen in Sachsen-Anhalt sowie Vereinigtes Schleenhain im Leipziger Südraum; letzterer Tagebau beliefert vor allem das Kraftwerk Lippendorf. In Sachsen-Anhalt gewinnt ROMONTA im Tagebau Amsdorf bitumenreiche Braunkohle für Rohmontanwachs und nutzt extrahierte Kohle zur Prozessenergie. Fördermengen und Abbaufelder verändern sich mit Betriebsplanung und Nachfrage; sie sind deshalb nur mit Datenstand sinnvoll. Parallel bereiten sich Kommunen, Beschäftigte und Unternehmen auf das Ende der Kohleverstromung vor. Strukturwandel umfasst dabei neue Wertschöpfung, Qualifizierung, Infrastruktur und die langfristige Finanzierung der Bergbaufolgen.
Gesicherte Kerndaten
| Räumlicher Schwerpunkt | Südliches Sachsen-Anhalt, Raum Leipzig/Borna in Sachsen, Altenburg-Meuselwitz in Thüringen |
|---|---|
| Aktive Gewinnungsstandorte | Profen, Vereinigtes Schleenhain und Amsdorf (Abruf: 12. September 2026) |
| Besonderheit Amsdorf | Gewinnung bitumenreicher Kohle zur Rohmontanwachsproduktion seit 1922 |
| Sanierung | Sicherung, Altlastenbehandlung, Rekultivierung, Flutung und Wasserbewirtschaftung |
Häufige Fragen
Ist das Mitteldeutsche Revier dasselbe wie die Lausitz?
Nein. Es handelt sich um zwei eigenständige Braunkohlenreviere mit unterschiedlichen Lagerstätten, Betrieben und Techniktraditionen. Das Mitteldeutsche Revier liegt vor allem zwischen Halle, Leipzig, Zeitz, Bitterfeld und Altenburg.
Wird dort noch Braunkohle abgebaut?
Ja. Im September 2026 nennen Betreiber und Bergbehörden Profen, Vereinigtes Schleenhain und Amsdorf als Gewinnungsbetriebe. Der jeweilige Betriebsstatus muss bei späteren Aktualisierungen erneut geprüft werden.
Warum werden ehemalige Tagebaue geflutet?
Restlöcher lassen sich häufig als Bergbaufolgeseen gestalten. Dafür müssen Böschungen geotechnisch gesichert, Wasserstände reguliert und Wasserqualität sowie Grundwasserentwicklung dauerhaft kontrolliert werden.
Bergbaukalender.de dokumentiert Bergbauregionen nicht nur als technische Denkmale, sondern als Landschaften, deren Geschichte bis in die Gegenwart wirkt.
Quellen
- LMBV: Grundsanierung – Aufgaben und historischer Kontext
- LMBV: Fachreihe „Wandlungen und Perspektiven in Mitteldeutschland“
- Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt: Tagebau und aktueller Braunkohlenbergbau
- MIBRAG: Tagebau Profen
- MIBRAG: Tagebau Vereinigtes Schleenhain
- ROMONTA: Montanwachsproduktion in Amsdorf
- Umweltbundesamt: Transformation regionaler Infrastrukturen (2024)
Illustrationen: OpenAI, 2026, im Auftrag von Bergbaukalender.de. Eigenständige Tusche-Aquarell-Illustrationen ohne direkte Fotovorlage; technische Sachgrundlagen: LMBV, LAGB, MIBRAG und ROMONTA. Abruf der Onlinequellen: 12. September 2026.