Die Geschichte des Ruhrbergbaus
Der Ruhrbergbau verwandelte eine von Städten, Dörfern und Landwirtschaft geprägte Region in eines der wichtigsten europäischen Industriegebiete. Aus oberflächennahen Gruben im Ruhrtal entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert ein technisch aufwendiger Tiefbau. Steinkohle versorgte Eisenbahnen, Kokereien, Stahlwerke, Kraftwerke und Haushalte. Zugleich waren die Arbeit unter Tage, schwere Unglücke, Zuwanderung, soziale Konflikte und im Zweiten Weltkrieg der Einsatz von Zwangsarbeit Teil dieser Geschichte. Die Förderung endete 2018; ihre technischen, ökologischen und kulturellen Folgen bleiben gegenwärtig.
Kohlenlagerstätte und frühe Gruben im Ruhrtal

Die Steinkohle des Ruhrreviers entstand vor mehr als 300 Millionen Jahren im Karbon. Abgestorbene Pflanzen wurden in Sumpfräumen von Sedimenten überdeckt und über lange Zeiträume durch Druck und Temperatur inkohlt. Tektonische Bewegungen falteten und versetzten die kohleführenden Schichten. Im Süden, entlang von Ruhr und Ennepe, treten einzelne Flöze – annähernd schichtförmige Kohlenlager – an oder nahe der Oberfläche aus. Nach Norden tauchen sie unter jüngere Deckschichten ab.
Schriftliche Hinweise auf Kohlegewinnung im Gebiet reichen bis ins späte 13. Jahrhundert. Zunächst sammelte oder grub man Kohle an Ausbissen und in flachen Mulden, den Pingen. Später folgten kurze Stollen vom Hang aus. Sie erschlossen die Lagerstätte und konnten zugleich Wasser ableiten. Diese frühen Betriebe waren klein, saisonal und technisch nicht mit den späteren Großzechen vergleichbar. Eine einheitliche „Geburtsstunde“ des Ruhrbergbaus lässt sich deshalb nicht festlegen.
Industrialisierung: Schächte, Dampf und Kokskohle

Der Übergang zum Tiefbau, also zur Gewinnung über senkrechte Schächte und weit verzweigte Grubenbaue, beschleunigte sich im 19. Jahrhundert. Leistungsfähige Dampfmaschinen hoben Grubenwasser und trieben Förderanlagen an. Verbesserte Bohr-, Spreng- und Bewetterungstechnik erlaubte größere Teufen. Als Schächte die wasserführenden Mergelschichten nördlich der Ruhr durchdrangen, verlagerte sich der Abbau schrittweise nach Norden.
Eisenbahnlinien verbanden Zechen, Kokereien, Hüttenwerke und Absatzmärkte. Aus geeigneter Steinkohle wurde in Kokereien Koks für Hochöfen erzeugt; Kohle und Stahl bildeten dadurch einen eng verflochtenen Montankomplex. Städte wie Essen, Bochum, Gelsenkirchen und Dortmund wuchsen stark, während Fördertürme, Halden, Werkbahnen und Arbeitersiedlungen eine zusammenhängende Industrielandschaft entstehen ließen. Die wirtschaftliche Leistung beruhte auf hohem Material- und Energieeinsatz sowie auf einer rasch wachsenden Belegschaft.
Arbeit, Zuwanderung und Bergbaukultur

Unter Tage drohten Stein- und Kohlenfall, Wassereinbrüche, Brände, Kohlenstaub und Schlagwetter – explosionsfähige Gemische vor allem aus Methan und Luft. Bewetterung führte Frischluft zu und Grubengase ab; Ausbau stützte das Gebirge. Sicherheitstechnik, medizinische Vorsorge und Arbeitsschutz verbesserten sich, beseitigten die Risiken aber nicht. Staublungenerkrankungen und die Folgen schwerer Unfälle prägten viele Familien.
Der enorme Arbeitskräftebedarf zog Menschen aus benachbarten Regionen, später besonders aus den östlichen Provinzen Preußens und aus dem Ausland an. Polnischsprachige Bergleute und ihre Familien waren ein wichtiger Teil der Reviergesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen weitere Arbeitsmigranten. Zechengesellschaften errichteten Kolonien und soziale Einrichtungen; zugleich organisierten sich Beschäftigte in Vereinen, Gewerkschaften und politischen Verbänden. Bergmannssprache, Knappenvereine und der Gruß „Glück auf“ stifteten Zugehörigkeit, dürfen aber die harte und hierarchische Arbeitswelt nicht romantisieren.
Krieg, Zwangsarbeit und Wiederaufbau

In beiden Weltkriegen war Ruhrkohle für Rüstung, Verkehr und Energieversorgung strategisch wichtig. Während des Nationalsozialismus wurden ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und weitere Verfolgte gegen ihren Willen im Bergbau eingesetzt. Besonders ab 1942 griffen die Zechen in großem Umfang auf Zwangsarbeit zurück. Die Betroffenen litten unter Entrechtung, unzureichender Versorgung, gefährlicher Arbeit und vielfach gesonderter Lagerunterbringung. Diese Menschen waren keine regulär angeworbenen Arbeitskräfte; ihre Geschichte muss von späterer freiwilliger Arbeitsmigration klar unterschieden werden.
Bombenangriffe, zerstörte Verkehrswege und überbeanspruchte Anlagen beeinträchtigten gegen Kriegsende die Förderung. Unter alliierter Kontrolle wurde die Produktion nach 1945 wiederaufgebaut. Ruhrkohle spielte für Energieversorgung, Wiederaufbau und die westdeutsche Schwerindustrie eine zentrale Rolle. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl band die Montanproduktion ab 1952 in einen gemeinsamen westeuropäischen Markt ein.
Kohlenkrise, Stilllegung und Aufgaben nach dem Bergbau

Die Kohlenkrise ab 1957/58 markierte den langfristigen Niedergang. Heizöl und importierte Energieträger wurden konkurrenzfähig, während die Förderung aus großer Tiefe teuer blieb. Zechen schlossen, Arbeitsplätze verschwanden und Unternehmen wurden Ende der 1960er-Jahre in der Ruhrkohle AG gebündelt. Staatliche Hilfen verlangsamten den Rückzug und ermöglichten einen sozial abgefederten, aber für viele Orte tiefgreifenden Strukturwandel. Im Dezember 2018 endete mit Prosper-Haniel in Bottrop die Steinkohlenförderung im Ruhrgebiet.
Stilllegung bedeutet nicht, dass jede technische Aufgabe endet. Grubenwasser muss kontrolliert werden, damit salz- und eisenhaltiges Wasser sensible Grundwasserhorizonte nicht gefährdet. In abgesunkenen Gebieten halten Polderpumpwerke Oberflächenwasser ab; an einzelnen Standorten gehört außerdem Grundwasserreinigung zu den sogenannten Ewigkeitsaufgaben. Verfahren und Pegel werden berg- und wasserrechtlich geprüft und überwacht. Parallel wurden Zechen, Kokereien und Halden zu Denkmalen, Parks, Kultur- und Gewerbestandorten. Das UNESCO-Welterbe Zollverein ist ein bekanntes Beispiel, steht aber nur für einen Teil der vielgestaltigen Ruhrbergbaugeschichte.
Gesicherte Kerndaten
| Lagerstätte | Steinkohlenführende Schichten des Karbons, vor mehr als 300 Millionen Jahren entstanden |
|---|---|
| Frühe Nachweise | Schriftliche Hinweise seit dem späten 13. Jahrhundert; zunächst oberflächennaher Abbau |
| Industrialisierung | Vor allem im 19. Jahrhundert durch Tiefbau, Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Kokereien |
| Förderende | Dezember 2018, Schließung des Bergwerks Prosper-Haniel in Bottrop |
Häufige Fragen
Wird im Ruhrgebiet noch Steinkohle gefördert?
Nein. Die reguläre Steinkohlengewinnung endete dort im Dezember 2018. Tätigkeiten zur Sicherung, Grubenwasserhaltung und Wiedernutzbarmachung sind Nachbergbau, keine aktive Kohleförderung.
Warum wanderte der Bergbau nach Norden?
Im Süden treten kohleführende Schichten oberflächennah auf. Nach Norden liegen sie unter zunehmend mächtigem Deckgebirge. Mit leistungsfähiger Wasserhaltung und Schachttechnik konnten diese tieferen Vorräte erschlossen werden.
Was bedeutet „Ewigkeitsaufgaben“?
Damit sind Bergbaufolgen gemeint, die ohne zeitliche Begrenzung technische Maßnahmen erfordern: im Ruhrgebiet vor allem Grubenwasserhaltung und Poldermaßnahmen, an bestimmten Standorten auch Grundwasserreinigung.
Bergbaukalender.de dokumentiert die Technik, Arbeitswelt und Folgelandschaften des Bergbaus, ohne die Risiken und Konflikte seiner Geschichte auszublenden.
Quellen
- Bundeszentrale für politische Bildung: Der Ruhrbergbau
- Geologischer Dienst Nordrhein-Westfalen: Geologie und Steinkohlenbergbau
- Ruhr Museum: Natur, Kultur und Geschichte des Ruhrgebiets
- Ruhr Museum: Unter Tage. Unter Zwang. NS-Zwangsarbeit im Ruhrbergbau
- Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie NRW: Steinkohlenbergbau
- RAG-Stiftung: Ewigkeitsaufgaben
- UNESCO-Welterbe Zollverein: Zeche, Kokerei und Industriekultur
- Deutsches Bergbau-Museum Bochum: Montanhistorisches Dokumentationszentrum
Illustrationen: OpenAI, 2026, im Auftrag von Bergbaukalender.de. Eigenständige Tusche-Aquarell-Arbeiten ohne direkte Fotovorlage; fachliche Sachgrundlagen aus den oben genannten Quellen. Abruf: 12. September 2026.