Das Saarland als ehemalige Steinkohlenregion
Der Steinkohlenbergbau im Saarland war über Jahrhunderte weit mehr als ein Industriezweig. Er prägte Siedlungen, Verkehrswege, Familienleben und die enge Verbindung von Kohle und Eisenindustrie. Anders als viele Reviere stand der Saarbergbau seit dem 18. Jahrhundert lange unter staatlicher Leitung. Seine Lage an der deutsch-französischen Grenze führte außerdem zu mehrfachen Wechseln von Verwaltung und Eigentum. Mit der Schließung des Bergwerks Saar in Ensdorf endete die Förderung am 30. Juni 2012. Geblieben sind Industriedenkmale, Halden, Erinnerungsorte und technische Aufgaben des Nachbergbaus.
Lagerstätte und frühe Kohlengräberei

Die Steinkohlen des Saar-Nahe-Beckens entstanden im Oberkarbon vor rund 300 Millionen Jahren. In dem damaligen Senkungsraum lagerten Flüsse und Seen Sand, Schluff, Ton und Pflanzenreste ab. Aus den organischen Schichten bildeten sich unter Druck und erhöhter Temperatur Kohleflöze. Faltung und Störungen brachten einzelne Flöze im Saarkohlenwald, im Sulzbachtal, bei Neunkirchen und im Raum Ensdorf später nahe an die Erdoberfläche. Ein Flözausbiss ist eine Stelle, an der ein Flöz an oder dicht unter der Geländeoberfläche liegt.
Eine frühe urkundliche Erwähnung der Steinkohle stammt aus dem Jahr 1357; das Neumünsterer Schöffenweistum von 1429 regelte, dass Kohle ohne Zustimmung des Landesherrn nicht gewonnen werden durfte. Bauern gruben zunächst an Ausbissen und entrichteten Abgaben, den sogenannten Grubengült. Die Kohle diente unter anderem zum Kalkbrennen, später als Hausbrand sowie für Schmieden, Glashütten und Eisenwerke. Diese oberflächennahe Kohlengräberei war technisch und organisatorisch noch kein industrieller Tiefbau.
Staatlicher Bergbau und Industrialisierung

Fürst Wilhelm Heinrich zu Nassau-Saarbrücken zog die Gruben 1751 ein; eine 1754 erlassene Ordnung festigte die einheitliche staatliche Leitung. Damit begann eine für das Saarrevier charakteristische Tradition fiskalischen Bergbaus, also des Betriebs im Eigentum oder unter unmittelbarer Kontrolle des Staates. Während der französischen Herrschaft wurden die Gruben zeitweise verpachtet und später wieder auf Staatsrechnung geführt. Der 1810 fertiggestellte Saarkohlenatlas erfasste Lagerstätte und Industrieanlagen systematisch.
Nach 1815 gelangte der größte Teil des Reviers an Preußen, ein kleinerer Teil um St. Ingbert und Mittelbexbach an Bayern. Die Verwaltungen fassten kleinere Gruben zusammen, verbesserten Straßen und Stollen und setzten Dampfmaschinen für Wasserhaltung und Förderung ein. Mit der Eisenbahnverbindung ab 1852 konnten große Kohlenmengen wirtschaftlicher zu Hüttenwerken und überregionalen Märkten transportiert werden. Neue Tiefbauanlagen, Kokereien und die Eisen- und Stahlindustrie ließen Ortschaften rasch wachsen. Förderschächte, Wetterschächte, Waschkaue, Werkstätten, Bergehalden und Bergmannssiedlungen bildeten eine eng verknüpfte Montanlandschaft.
Das Saarrevier zwischen Deutschland und Frankreich

Die Grenzlage unterscheidet das Saarrevier deutlich von den meisten deutschen Steinkohlengebieten. Nach dem Ersten Weltkrieg stellte der Versailler Vertrag das Saargebiet unter den Völkerbund und übertrug die Saargruben als Entschädigung in französisches Eigentum. Die Mines Domaniales Françaises de la Sarre modernisierten Anlagen und richteten den Absatz stärker nach Frankreich aus. Nach der Volksabstimmung von 1935 kamen Gebiet und Gruben zum Deutschen Reich zurück.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden im Saarbergbau neben regulären Belegschaften auch ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene unter Zwang eingesetzt. Nach 1945 übernahm erneut eine französische Verwaltung die Gruben. Der Saarvertrag regelte 1956 die politische Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik und die wirtschaftliche Neuordnung; 1957 entstand die Saarbergwerke AG. Die Montanunion – die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl – verband Kohle und Stahl der früheren Gegner in einem gemeinsamen Markt. Bergbaugeschichte an der Saar ist deshalb zugleich Regional-, Industrie- und europäische Grenzgeschichte.
Arbeitswelt, Sicherheit und Luisenthal

Die Gruben beschäftigten in Spitzenzeiten mehr als 60.000 Menschen und wirkten weit über die eigentlichen Bergbauorte hinaus. Viele Bergleute pendelten aus ländlichen Gemeinden zu den Schächten. Werkswohnungen, Schlafhäuser, Knappenvereine, Bergkapellen und soziale Einrichtungen prägten das Alltagsleben. Zugleich war die Arbeit hierarchisch organisiert, körperlich belastend und gefährlich. Gebirgsdruck, Staub, Wasser, Brände und Schlagwetter – explosionsfähige Gemische vor allem aus Methan und Luft – verlangten Bewetterung, Ausbau und strenge Sicherheitsregeln.
Am 7. Februar 1962 starben bei einer Explosion in der Grube Luisenthal 299 Bergleute. Es war das schwerste Grubenunglück in der Geschichte des Saarbergbaus und der Bundesrepublik Deutschland. Die genaue Zündursache blieb ungeklärt; als technischer Ablauf gilt eine Schlagwetterexplosion mit nachfolgenden Kohlenstaubexplosionen. Die Opfer dürfen nicht zu einer bloßen Zahl verkürzt werden. Gedenkstätte und jährliches Erinnern halten ihre Namen und die Folgen für Familien und Belegschaften gegenwärtig. Das Unglück führte außerdem zu weiteren Anstrengungen beim Staub- und Explosionsschutz.
Kohlekrise, Förderende und Nachbergbau

Ab 1958/59 traf die Kohlekrise auch das Saarland. Heizöl und Importkohle wurden konkurrenzfähig, Haldenbestände wuchsen, Zechen wurden zusammengelegt oder geschlossen. Zwischen 1960 und 1970 sank die Belegschaft der Saarbergwerke von 52.964 auf 26.883 Beschäftigte; zugleich nahm die Mechanisierung zu. Weitere Konzentrationen folgten. 1998 gingen die saarländischen Gruben in der Deutschen Steinkohle AG beziehungsweise RAG auf.
Starke bergbaubedingte Erderschütterungen in den Jahren 2007 und 2008 beschleunigten das Ende. Am 30. Juni 2012 stellte das Bergwerk Saar in Ensdorf als letzter Förderbetrieb des Reviers die Kohlegewinnung ein. Das Saarland ist damit eine ehemalige Steinkohlenregion: Sicherungs-, Sanierungs- und Wasserhaltungsarbeiten sind Nachbergbau, keine aktive Förderung. Der geplante und teilweise vollzogene Anstieg des Grubenwassers wird berg- und wasserrechtlich geprüft und überwacht; dabei sind Grundwasser, Tagesoberfläche, Austritte und mögliche Stoffeinträge zu berücksichtigen.
Viele Tagesanlagen gingen verloren, andere wurden als Denkmale, Museen oder Kulturorte erhalten. Zu den sichtbaren Erinnerungslandschaften gehören etwa Reden, Göttelborn, Velsen, Luisenthal und die Bergehalde Duhamel mit dem Saarpolygon. Ihre heutige Nutzung ersetzt nicht die historische Einordnung. Industriekultur, Gedenken, ökologische Sanierung und langfristige technische Verantwortung gehören gemeinsam zum Erbe des Saarbergbaus.
Gesicherte Kerndaten
| Lagerstätte | Steinkohlenführende Schichten des Oberkarbons im Saar-Nahe-Becken |
|---|---|
| Frühe Nachweise | Urkundliche Erwähnung 1357; bergrechtliche Regelung 1429 |
| Staatliche Leitung | Einziehung der Gruben 1751, Neuordnung 1754 |
| Förderende | 30. Juni 2012, Bergwerk Saar in Ensdorf |
Häufige Fragen
Wird im Saarland noch Steinkohle gefördert?
Nein. Die reguläre Förderung endete am 30. Juni 2012. Arbeiten an Schächten, Grubenwasseranlagen oder belasteten Flächen gehören zum Nachbergbau.
Warum war der Saarbergbau so stark staatlich geprägt?
Seit der Einziehung der Gruben 1751 blieb der wichtigste Teil des Reviers über wechselnde Herrschaften hinweg meist in öffentlichem Eigentum oder unter staatlicher Leitung. Dadurch wurden Planung, Ausbildung und Absatz ungewöhnlich zentral organisiert.
Was geschieht mit dem Grubenwasser?
Nach Stilllegung steigt Wasser in den verbundenen Grubengebäuden an. Höhe, Qualität und mögliche Austrittswege werden überwacht; erforderliche Maßnahmen unterliegen berg- und wasserrechtlichen Verfahren. Das ist kein unkontrolliertes „Volllaufenlassen“.
Bergbaukalender.de dokumentiert die Technik, Arbeitswelt und Erinnerungslandschaften ehemaliger Bergbauregionen sachlich und mit Respekt vor den Menschen, die dort arbeiteten.
Quellen
- Delf Slotta / Institut für Landeskunde im Saarland: Das Steinkohlerevier an der Saar
- RAG: Geschichte des Saarreviers
- Saarländischer Rundfunk: Das Ende des Bergbaus im Saarland
- Saarländischer Rundfunk: Das Grubenunglück von Luisenthal
- Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz Saarland: Geologie
Illustrationen: OpenAI, 2026, im Auftrag von Bergbaukalender.de. Eigenständige Tusche-Aquarell-Arbeiten ohne direkte Fotovorlage; fachliche Sachgrundlagen aus den oben genannten Quellen. Abruf: 12. September 2026.