Johanngeorgenstadt im Westerzgebirge ist ein seltenes Beispiel dafür, wie verschiedene Bergbauphasen eine Stadt immer wieder neu formten. Zinnbergbau ist in der Umgebung schon für das 14. Jahrhundert belegt. Nach der Stadtgründung 1654 wurden vor allem Silber, später auch Kobalt-, Wismut- und Uranerze gewonnen. Der besonders intensive Uranbergbau der Wismut zwischen 1946 und 1958 veränderte Landschaft, Bevölkerung und Stadtgrundriss tiefgreifend. Heute erinnern technische Denkmale und Besucherangebote an diese Geschichte, während die Sicherung alter Grubenbaue weiterhin eine praktische Aufgabe bleibt.
Inhalt
- Grenzraum, Erzbergbau und Stadtgründung
- Silber, Kobalt, Wismut und Uranminerale
- Vereinigt Feld und Pferdegöpel
- Uranbergbau der Wismut und Stadtumbau
- Sanierung und Erinnerung heute
Grenzraum, Erzbergbau und Stadtgründung 1654

Das spätere Stadtgebiet liegt am Fastenberg unmittelbar an der heutigen deutsch-tschechischen Grenze. Zinngewinnung ist dort bereits im 14. Jahrhundert bezeugt; Eisen und Zinn wurden somit lange vor der eigentlichen Stadtgründung gesucht. Im 16. Jahrhundert änderten politische Grenzziehungen die Zuständigkeiten zwischen den sächsischen Revieren und den böhmischen Bergstädten Platten, heute Horní Blatná, und Gottesgab, heute Boží Dar.
Nach der Gegenreformation verließen evangelische Glaubensflüchtlinge das böhmische Platten. Kurfürst Johann Georg I. gestattete ihnen am 23. Februar 1654 die Gründung einer neuen Stadt auf sächsischer Seite. Weitere Erzfunde, besonders Silber, gaben der jungen Exulanten- und Bergstadt eine wirtschaftliche Grundlage. 1662 entstand ein eigenes Bergamt aus Teilen der Reviere Schwarzenberg und Eibenstock. Es regelte unter anderem Grubenverleihungen, Abgaben, Sicherheit und Wasserwirtschaft. Johanngeorgenstadt war damit nicht lediglich eine Siedlung bei Gruben, sondern eine administrativ organisierte Bergstadt.
Silber, Kobalt, Wismut und Uranminerale

Die Gänge des Reviers führten mehrere Metalle. In der frühen Stadtgeschichte stand Silber im Vordergrund; daneben wurden Zinn, Eisen und Kobalt gewonnen. Mit fortschreitendem Abbau verloren leicht erreichbare Silbererze an Bedeutung. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert rückte Wismut stärker in den Mittelpunkt. Der ähnlich klingende Name des späteren Uranunternehmens „Wismut“ war dagegen ein Tarnname und bezeichnet nicht das chemische Element als Hauptprodukt dieses Unternehmens.
Besondere wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung besitzt Pechblende aus dem Grubenfeld Georg Wagsfort. Martin Heinrich Klaproth erkannte 1789 in einer solchen Probe einen neuen Stoff und nannte ihn Uran. Was Klaproth zunächst erhielt, war nach heutigem Wissen ein Uranoxid; reines metallisches Uran wurde erst 1841 dargestellt. Ab 1819 wurden im Revier Uranerze auch für Farben in Glas und Keramik gewonnen. Radioaktivität war damals noch unbekannt – sie wurde erst 1896 entdeckt. Diese zeitliche Trennung verhindert, den frühen Uranerzabbau mit dem späteren atomaren Rohstoffbedarf gleichzusetzen.
Vereinigt Feld und Pferdegöpel

Als einzelne Gruben wirtschaftlich immer schwerer zu betreiben waren, wurden 1838 sieben größere Grubenfelder zur Gewerkschaft „Vereinigt Feld im Fastenberg“ zusammengeführt. Eine Gewerkschaft war im historischen Bergrecht eine Eigentümergemeinschaft, deren Anteile Kuxe hießen. Die Zusammenlegung bündelte Kapital, Grubenbaue und Wasserhaltung. 1863 erreichte der Betrieb etwa 360 Meter Teufe, ohne den erhofften neuen Silberreichtum zu erschließen. Um 1900 arbeiteten nur noch ungefähr 100 Menschen im Revier; nun war Wismuterz das wichtigste Förderprodukt. Der traditionelle Bergbau endete 1945.
Der rekonstruierte Pferdegöpel macht ein älteres Förderprinzip anschaulich. Bei einem Göpel setzte ein im Kreis gehendes Pferd eine senkrechte Welle in Bewegung; über Seiltrommeln konnten Erzgefäße im Schacht gehoben und gesenkt werden. Der heutige Bau erinnert an die Anlage der Grube Neu Leipziger Glück. Er ist kein aktives Bergwerk, sondern ein technisches Denkmal und Museum. Das Lehr- und Schaubergwerk Frisch Glück „Glöckl“ erschließt zusätzlich einen Teil der untertägigen Überlieferung.
Uranbergbau der Wismut und der Umbau der Stadt

Im April 1946 wurden in Johanngeorgenstadt die ersten Tonnen Uran für das sowjetische Atomprogramm gewonnen. Vorhandene Stollen und Schächte wurden aufgewältigt, neue Anlagen, Halden und Unterkünfte entstanden dicht am Stadtgebiet. Die Förderung erfolgte zunächst unter sowjetischer Kontrolle; 1947 wurde die SAG Wismut gegründet, aus der 1954 die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut hervorging. Der lokale Produktionsbetrieb wurde als Objekt 01 geführt.
Die Dimension des kurzen Booms war außergewöhnlich. Nach Angaben eines Forschungsprojekts der TU Chemnitz und der Universität Jena wuchs die Einwohnerzahl von etwa 7.000 im Jahr 1946 zeitweise auf über 40.000. Zwischen 1951 und 1957 wurden rund 4.000 Menschen aus der Altstadt in die neu errichtete Neustadt umgesiedelt; der historische Stadtkern ging weitgehend verloren. Als Begründung dienten Bergschäden. Die Forschung untersucht zugleich, wie administrative Entscheidungen, Sicherheitsinteressen und lokale Proteste diesen Prozess prägten. Der Uranbergbau war gefährlich: Staub, Radon, Unfallrisiken und anfangs unzureichender Arbeitsschutz belasteten viele Beschäftigte. Eine romantisierende Darstellung würde diese Folgen verkennen.
1958 endete der Wismut-Uranbergbau in Johanngeorgenstadt. Damit war weder die soziale Umgestaltung rückgängig gemacht noch waren die bergbaulichen Hinterlassenschaften beseitigt.
Sanierung, Denkmale und Erinnerung heute

Halden wurden profiliert und begrünt, Grubenöffnungen verwahrt und belastete Flächen untersucht. „Verwahrung“ bedeutet im Bergbau die dauerhafte Sicherung eines nicht mehr genutzten Grubenbaus. Dass diese Aufgabe fortbesteht, zeigt eine aktuelle Maßnahme: Im August 2026 begann die Wismut GmbH in der südlichen Altstadt, 32 Objekte auf vermutete tagesnahe Hohlräume zu kontrollieren und gefundene Hohlräume zu verfüllen. Der Abschluss ist für 2027 geplant. Johanngeorgenstadt ist daher ein Sanierungs- und Erinnerungsort, kein aktives Uranbergwerk.
Pferdegöpel, Schaubergwerk, Lehrpfade, erhaltene Mundlöcher und sanierte Halden vermitteln unterschiedliche Epochen. Sie gehören zur größeren Montanlandschaft des Erzgebirges, deren grenzüberschreitende Entwicklung seit 2019 als Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří UNESCO-Welterbe ist. Nicht jedes lokale Objekt ist automatisch ein eigener Welterbe-Bestandteil; der Zusammenhang liegt in der gemeinsamen Montangeschichte. Wer diese Landschaft aufmerksam betrachtet, erkennt, weshalb Bergbaukalender.de historische Technik, Arbeitswelt und heutige Folgen gemeinsam dokumentiert.
Kerndaten
| Zeitraum | Gesicherte Einordnung |
|---|---|
| 14. Jahrhundert | Zinnbergbau im Gebiet der späteren Stadt belegt |
| 1654 | Gründung der Exulanten- und Bergstadt |
| 1662 | Einrichtung des Bergamts Johanngeorgenstadt |
| 1789 | Klaproth beschreibt Uran anhand Johanngeorgenstädter Pechblende |
| 1838 | Zusammenschluss zum Vereinigt Feld im Fastenberg |
| 1946–1958 | Intensiver Uranbergbau der Wismut in Johanngeorgenstadt |
| 1951–1957 | Umsiedlung von rund 4.000 Altstadtbewohnern |
| seit 1990er Jahren | Langfristige Sicherung und Sanierung von Hinterlassenschaften |
| 2026–2027 | Weitere Hohlraumsicherung in der südlichen Altstadt geplant |
Häufige Fragen
Warum wurde Johanngeorgenstadt 1654 gegründet?
Evangelische Exulanten aus dem böhmischen Platten erhielten von Kurfürst Johann Georg I. die Erlaubnis, auf sächsischer Seite eine Stadt anzulegen. Erzfund und Bergbau boten eine wirtschaftliche Grundlage.
Welche Rohstoffe wurden in Johanngeorgenstadt gewonnen?
Je nach Epoche vor allem Zinn, Silber, Eisen, Kobalt, Wismut und Uranerze. Ihre wirtschaftliche Bedeutung veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte.
Wurde Uran 1789 als Metall entdeckt?
Klaproth erkannte ein neues Element in Pechblende und benannte es Uran, isolierte jedoch ein Oxid. Reines Uranmetall wurde erst 1841 dargestellt.
Ist in Johanngeorgenstadt heute noch ein Uranbergwerk aktiv?
Nein. Die Förderung endete 1958. Heutige Arbeiten dienen der Sicherung, Sanierung und Überwachung alter Bergbauhinterlassenschaften.
Was kann man heute vom Bergbau sehen?
Unter anderem den rekonstruierten Pferdegöpel, das Lehr- und Schaubergwerk Frisch Glück „Glöckl“, Bergbaulehrpfade, Mundlöcher und sanierte Halden. Aktuelle Zugänglichkeit sollte vor einem Besuch bei den Betreibern geprüft werden.
Quellen
- Sächsisches Staatsarchiv: Bergamt Johanngeorgenstadt (Bestand 40012)
- Stadt Johanngeorgenstadt / Pferdegöpel: Stadt- und Bergbaugeschichte
- Stadt Johanngeorgenstadt: Informationen zur Bergstadt
- Wismut GmbH: Geschichte des Uranbergbaus
- Wismut GmbH: Start im Verwahrbereich E in Johanngeorgenstadt, 22.07.2026
- TU Chemnitz: Johanngeorgenstadt – eine verschwindende Stadt
- Royal Society of Chemistry: Uranium – element information
- Deutsche UNESCO-Kommission: Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří
Alle Onlinequellen abgerufen am 7. September 2026.
Bildnachweise und Lizenzen
- Df dk 0000641 Ansicht von Johanngeorgenstadt im Erzgebirge.jpg — Christian Johann Oldendorp / Paul Anton Skerl, circa 1830, public domain; factual reference for town and ironworks
- Pechblende de Johanngeorgenstadt (Saxe, Allemagne).jpg — Isentropique, 16 February 2022, CC BY-SA 4.0; mineralogical reference
- Aussenansicht Sommer.jpg — Erzgebirger57 / Frank Teller, 7 July 2015, CC BY-SA 4.0; architectural reference for the Pferdegöpel
- Johanngeorgenstadt tailings.jpg — Geomartin, 9 July 2010, CC BY-SA 3.0; factual reference for uranium-processing legacies
- Johanngeorgenstadt, sanierte Halden am Heimberg.jpg — Aagnverglaser, 22 September 2018, CC BY-SA 4.0; landscape reference for remediation
Licences: Public Domain Mark · CC BY-SA 3.0 · CC BY-SA 4.0.