Das Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenrevier
Zwischen Lugau, Oelsnitz/Erzgeb., Niederwürschnitz, Hohndorf und Gersdorf entwickelte sich ab 1844 das zweitbedeutendste sächsische Steinkohlenrevier. Seine Schächte erreichten Tiefen bis etwa 1.200 Meter; insgesamt wurden bis 1971 rund 142 Millionen Tonnen Steinkohle gewonnen. Das Revier versorgte Fabriken, Bahnen und Haushalte, veränderte aber auch Landschaft, Siedlungen und Arbeitswelt grundlegend. Diese Übersicht folgt der Entwicklung von der Lagerstätte und den ersten Funden über Großschachtanlagen und moderne Fördertechnik bis zu Stilllegung, Grubenwasser und heutiger Erinnerungskultur.
Lagerstätte und räumliche Ausdehnung

Das etwa 25 Quadratkilometer große Revier liegt im westlichen Teil des Erzgebirgischen Beckens zwischen Chemnitz und Zwickau. Die kohleführenden Schichten entstanden im Oberkarbon aus Pflanzenmaterial in einem binnenländischen Ablagerungsraum. Das Sächsische Oberbergamt nennt zwölf bauwürdige beziehungsweise bergbaulich erfasste Flöze. Im Osten streichen die Karbonschichten bei Lugau und Niederwürschnitz nahe der Oberfläche aus; nach Nordwesten sinken sie unter jüngere, rötliche Schichten des Rotliegend ab. Störungen versetzten die Flöze und erschwerten ihre Verfolgung unter Tage.
Diese Geometrie bestimmte die Entwicklung des Bergbaus. Nahe dem Ausgehenden reichten zunächst flache Gruben, weiter westlich mussten immer tiefere Schächte abgeteuft werden. Die tiefsten Abbaubereiche lagen bei ungefähr 1.200 Metern. Trotz der räumlichen Nähe ist die Lagerstätte geologisch vom Zwickauer Steinkohlenrevier zu unterscheiden.
Vom Kohlenfund zum Industrierevier

Ein erster Kohlenfund ist für 1831 überliefert, doch ein dauerhafter Abbau begann erst 1844. Am 7. Januar jenes Jahres stieß der Zwickauer Maschinenaufseher Karl Gottlob Wolf bei Neuoelsnitz auf gewinnbare Steinkohle. Zunächst entstanden zahlreiche kleine Schächte. Viele verfügten weder über genügend Kapital noch über eine sichere Wasserhaltung und gingen bald wieder ein. Erfolgreicher waren größere Gesellschaften, die zusammenhängende Grubenfelder erwerben und Dampfmaschinen, leistungsfähige Förderanlagen sowie tiefere Schächte finanzieren konnten.
Der Eisenbahnanschluss nach Wüstenbrand im Jahr 1858 erleichterte den Absatz in Richtung Chemnitz. In den folgenden Jahrzehnten wuchsen Lugau und Oelsnitz zu Industriestädten; Werkssiedlungen, Verkehrswege, Halden und Versorgungsbetriebe prägten das Revier. Um 1900 bestanden nach Angaben des heutigen Museums KohleWelt rund 30 wirtschaftlich bedeutende Schächte. Konzentrationen und Fusionen reduzierten die Zahl der selbstständigen Unternehmen später deutlich.
Großschächte, Aufbereitung und Fördertechnik

Mit zunehmender Teufe wurden Förderung, Bewetterung – also die Versorgung mit Frischluft –, Wasserhaltung und Kohlenaufbereitung technisch anspruchsvoller. In den 1920er- und 1930er-Jahren konzentrierten die Unternehmen die Förderung auf wenige leistungsfähige Zentralanlagen. Der 1869 angesetzte Kaiserin-Augusta-Schacht in Neuoelsnitz wurde zwischen 1923 und 1940 umfassend erweitert. Förderturm, Maschinenhäuser, Sieberei und Kohlenwäsche ermöglichten einen weitgehend geschlossenen Materialfluss vom Förderkorb bis zum Eisenbahnwagen. 1946 erhielt die Anlage den Namen Karl-Liebknecht-Schacht.
Unter Tage verband ein ausgedehntes Netz aus Strecken und Querschlägen die Flöze mit den Schächten. Das Oberbergamt veranschlagt seine Länge auf rund 140 Kilometer. Förderkörbe bewegten Menschen, Material und Grubenwagen zwischen den Sohlen. Über Tage wurde die Rohkohle zerkleinert, nach Korngröße sortiert und in der Wäsche von taubem Gestein getrennt. Mechanisierung steigerte die Leistung, beseitigte aber weder die körperliche Belastung noch die bergbaulichen Risiken.
Arbeit, Gefahren und soziale Folgen

Die Arbeit erfolgte in engen, heißen und staubigen Grubenbauen. Stein- und Kohlenfall, Transporte, Wasser, Brände und schlagende Wetter – explosionsfähige Gemische aus Methan und Luft – gefährdeten die Belegschaften. Das schwerste Unglück des Reviers ereignete sich am 1. Juli 1867: Beim Bruch des Schachtes der „Neuen Fundgrube“ in Lugau starben 101 Bergleute. Am Friedensschacht in Oelsnitz forderte eine Schlagwetterexplosion am 24. Januar 1921 insgesamt 57 Todesopfer. Solche Ereignisse gehören zur Geschichte des Reviers, dürfen aber nicht als unvermeidlicher Preis der Industrialisierung verharmlost werden.
Der Bergbau schuf zugleich spezialisierte Berufe, Knappschaften und dichte soziale Netze. Löhne aus den Gruben trugen das Wachstum der Gemeinden, machten Familien jedoch vom Kohlebergbau abhängig. Nach 1945 wurden die Betriebe verstaatlicht; 1960 gingen die beiden verbliebenen großen Werke im VEB Steinkohlenwerk Oelsnitz/Erzgeb. auf.
Stilllegung, Bergbaufolgen und Erbe

Die DDR beschloss 1967 die planmäßige Stilllegung des erschöpften Reviers. Am 31. März 1971 wurde die letzte Kohle gefördert; Sicherungs- und Verwahrungsarbeiten dauerten noch mehrere Jahre. Über 127 Betriebsjahre kamen rund 142 Millionen Tonnen Steinkohle zusammen. Zurück blieben nach heutigem Kenntnisstand etwa 150 dokumentierte Tagesschächte, 23 Halden und ein geschätzter Resthohlraum von rund 47 Millionen Kubikmetern.
Mit dem Ende des Abbaus verschwanden die Aufgaben nicht. Das Grubengebäude füllt sich langfristig mit Wasser; Messstellen erfassen Wasserstand und Beschaffenheit. Auch Schächte, Tagesbrüche und Bodenbewegungen müssen beobachtet oder gesichert werden. Gleichzeitig wurden Halden begrünt und Anlagen neu genutzt. Auf dem Gelände des früheren Karl-Liebknecht-Schachtes bewahrt die KohleWelt – Museum Steinkohlenbergbau Sachsen Maschinen, Gebäude und Erfahrungen der Bergleute. Damit bleibt das Revier nicht nur Industriedenkmal, sondern ein Lernort für Technikgeschichte und verantwortlichen Umgang mit Bergbaufolgen. Ergänzende montanhistorische Motive und Kalender finden Sie dezent zusammengestellt auf Bergbaukalender.de.
Häufige Fragen
Wann wurde im Lugau-Oelsnitzer Revier Steinkohle abgebaut?
Der dauerhafte Abbau begann 1844 und endete mit der letzten Förderung am 31. März 1971. Stilllegungsarbeiten liefen anschließend weiter.
Wie tief reichte der Bergbau?
Die tiefsten Abbaubereiche lagen bei etwa 1.200 Metern. Die größere Teufe im westlichen Revierteil erforderte besonders leistungsfähige Schacht- und Förderanlagen.
Ist das Revier heute vollständig geflutet?
Nein. Das Grubenwasser steigt langfristig an und wird an Messstellen überwacht. Prognosen können sich mit neuen Messdaten ändern.
Was ist heute noch zu sehen?
Erhalten sind unter anderem Halden, einzelne Förder- und Betriebsgebäude sowie die Museumsanlage in Oelsnitz. Viele frühere Schächte sind verfüllt und an der Oberfläche kaum noch erkennbar.
Quellen
- Sächsisches Oberbergamt: Fachkonzept Oelsnitz/Erzgebirge
- LfULG: Geologie und Bergbaufolgen im Steinkohlerevier Lugau/Oelsnitz, Geoprofil 13
- KohleWelt – Museum Steinkohlenbergbau Sachsen: Geschichte des Museumsstandortes
- Sächsisches Staatsarchiv: Bestand 40117, Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenbauverein
- Stadt Oelsnitz/Erzgeb.: Stadtgeschichte
- Deutsche Bundesstiftung Umwelt: Bergbaufolgen im Lugau-Oelsnitzer Revier
Illustrationen: KI-gestützte redaktionelle Neuschöpfungen im Tusche-Aquarell-Stil, 2026. Sie veranschaulichen belegte technische Zusammenhänge und sind keine maßstabgetreuen Rekonstruktionen einzelner Anlagen.