Der Steinkohlenbergbau im Zwickauer Revier
Im Zwickauer Revier wurde Steinkohle über viele Jahrhunderte gewonnen: zunächst dort, wo Flöze bei Planitz nahe an die Oberfläche traten, später aus Großschächten von mehr als 1.000 Metern Teufe. Die Kohle machte Zwickau zu einem wichtigen Industriezentrum Sachsens und prägte Technik, Stadtbild und Arbeitswelt. Mit der letzten Förderschicht am 29. September 1978 endete der Abbau, nicht aber seine Folgen. Der Beitrag ordnet Lagerstätte, frühe Gewinnung, Industrialisierung, moderne Bergbautechnik, das Unglück von 1960 und heutige Aufgaben des Nachbergbaus sachlich ein.
Lagerstätte zwischen Planitz und Mülsen

Das Zwickauer Steinkohlenrevier gehört zum westlichen Erzgebirgischen Becken. Seine im Oberkarbon entstandenen Schichten enthalten mehrere abbauwürdige Flöze, darunter das bekannte Rußkohlenflöz. Das Revier erstreckt sich in Ost-West-Richtung über ungefähr elf Kilometer; nach Norden und Süden ist es wesentlich schmaler. Bei Planitz und Cainsdorf liegen kohleführende Schichten nahe der Oberfläche. In Richtung Pöhlau, Reinsdorf und Mülsen fallen sie tiefer ein und werden durch Störungen versetzt.
Diese Lagerung erklärt den Wandel der Gewinnung: Oberflächennahe Kohle ließ sich früh mit einfachen Mitteln erreichen. Der spätere Abbau im Osten erforderte tiefe Schächte, leistungsfähige Förderung, Bewetterung und Wasserhaltung. Das nahe Lugau-Oelsnitzer Revier ist keine Fortsetzung desselben Kohlefeldes, sondern geologisch davon getrennt.
Vom Kohleausbiss zum Schachtbau

Die Zwickauer Stadtrechtsaufzeichnung von 1348 erwähnt Steinkohle im Zusammenhang mit dem Schmiedehandwerk und gilt als frühester sicherer schriftlicher Nachweis. Archäologische Befunde belegen eine Nutzung bereits um 1190; daraus lässt sich jedoch kein kontinuierlicher mittelalterlicher Bergwerksbetrieb ableiten. Über Jahrhunderte bauten Grundeigentümer und sogenannte Kohlebauern oberflächennahe Vorräte mit kleinen Schächten, Haspeln und einfachen Entwässerungen ab.
Besonders bekannt wurden die Planitzer Erdbrände. Historische Berichte verbinden sie teils mit Selbstentzündung, teils mit überlieferten Kriegserzählungen; einzelne Ursachen bleiben unsicher. Ab 1837 nutzte Ernst August Geitner die Wärme eines Brandfeldes für Treibhäuser. Diese ungewöhnliche Folgenutzung endete, als die Brandherde im 19. Jahrhundert erloschen.
Steinkohle als Motor der Industrialisierung

Im 19. Jahrhundert veränderten Dampfmaschinen und kapitalstarke Unternehmen den Maßstab des Reviers. Der Zwickauer Steinkohlenbauverein wurde 1837 gegründet; weitere Gesellschaften erschlossen größere Grubenfelder. Dampfmaschinen hoben Wasser und bewegten Förderkörbe, Eisenbahnen verbanden die Schächte mit Hüttenwerken, Maschinenbau und anderen Verbrauchern. Aufbereitungen sortierten und wuschen die Rohkohle, Kokereien erzeugten Koks und Nebenprodukte.
Die Förderung verschob sich von den älteren Gruben westlich der Zwickauer Mulde zu tieferen östlichen Feldern. Das Revier lieferte insgesamt deutlich mehr als 220 Millionen Tonnen Steinkohle; höhere Summen in einzelnen Darstellungen beruhen auf abweichenden Abgrenzungen und Berechnungen. Für Sachsen war die Lagerstätte zentral: Sie versorgte Industrie und Verkehr, förderte aber auch die Entstehung dichter Werkssiedlungen, Halden und Verkehrsanlagen.
Moderne Technik, Arbeit und Sicherheit

Im 20. Jahrhundert kamen elektrische Fördermaschinen, stählerner und hydraulischer Ausbau, Kettenförderer sowie mechanisierte Gewinnungsgeräte zum Einsatz. Im Martin-Hoop-Werk konzentrierten neue Schächte und die ab 1959 errichtete Schachtanlage IVa die Förderung. Der rund 60 Meter hohe Betonförderturm nahm moderne Koepe-Fördermaschinen auf; Großraumgefäße, sogenannte Skips, transportierten Kohle automatisch nach über Tage.
Technik verringerte manche Belastungen, beseitigte aber weder Gebirgsdruck noch Kohlenstaub-, Brand- und Explosionsgefahr. Am 22. Februar 1960 kamen im VEB Steinkohlenwerk „Karl Marx“ 123 Bergleute infolge einer Explosion und der nachfolgenden Brände ums Leben. Es war das schwerste Grubenunglück der DDR. Eine spätere gemeinsame Untersuchung von Stadt und Bergbauverein konnte den Ausgangsbereich eingrenzen, die genaue Ursache jedoch nicht abschließend klären. Unbelegte Schuldzuweisungen gehören deshalb nicht in eine sachliche Darstellung.
Förderende und heutiger Nachbergbau

Nachdem die westlichen Felder bereits früher ausliefen, blieb Martin Hoop das letzte fördernde Steinkohlenwerk. Am 29. September 1978 kam der letzte Kohlenhunt aus dem Mülsenfeld. Verwahrungsarbeiten an Schächten dauerten bis in die frühen 1980er-Jahre; die Schedewitzer Kokerei arbeitete mit zugeführter Kohle noch bis 1992. Für Beschäftigte entstanden Nachfolgebetriebe, doch Stilllegung und wirtschaftlicher Wandel veränderten ganze Stadtteile.
Heute werden verfüllte Schächte, mögliche Tagesbrüche, Bodenbewegungen, Halden und Grubenwasser fachlich überwacht. Ein sächsischer Bergbaukulissen-Steckbrief erfasst für den Raum Zwickau zahlreiche Restlöcher und Halden; solche Zahlen hängen von Gebiet und Definition ab. Forschungsprojekte untersuchten zudem, ob die Wärme des Grubenwassers energetisch nutzbar ist. Das geschützte Rußkohlenflöz am Muldenufer, Museumsbestände und erhaltene Betriebsgebäude machen die Geschichte weiterhin lesbar. Bergbaukalender.de ergänzt diese Sachgeschichte mit ausgewählten montanhistorischen Bildmotiven.
Häufige Fragen
Seit wann ist Steinkohlenbergbau in Zwickau belegt?
Die schriftliche Ersterwähnung stammt aus dem Jahr 1348. Archäologische Funde weisen auf eine Nutzung um 1190 hin, belegen aber keinen durchgehenden Bergwerksbetrieb.
Wann endete die Förderung?
Die letzte Förderschicht fand am 29. September 1978 statt. Die technische Stilllegung einzelner Schächte dauerte anschließend weiter.
Wie tief waren die Zwickauer Schächte?
Die tiefsten Schächte überschritten 1.000 Meter. Schacht IVa des Martin-Hoop-Werkes erreichte etwa 1.112 Meter.
Gibt es heute noch aktiven Steinkohlenabbau?
Nein. Heute geht es um Nachbergbau, Sicherung, Monitoring, Erinnerung und mögliche Nutzungen des Grubenwassers.
Quellen
- Stadt Zwickau: Bürgerheft 2018 – Zwickauer Stadt- und Bergbaugeschichte
- Sächsisches Staatsarchiv: Steinkohlenbauvereine des Zwickauer Reviers, Bestand 40191
- Freistaat Sachsen: Bergbaukulisse Zwickau, Steckbrief DESN_ZM 1-1
- Steinkohlenbergbauverein Zwickau: Zur Erinnerung an den Steinkohlenbergbau im Zwickauer Revier
- Deutsches Bergbau-Museum Bochum, DER ANSCHNITT: Aufarbeitung des Zwickauer Grubenunglücks 1960
- Stadt Zwickau: Pilotprojekt zur geothermischen Nutzung von Flutungswässern
Illustrationen: KI-gestützte redaktionelle Neuschöpfungen im Tusche-Aquarell-Stil, 2026. Sie erklären belegte Zusammenhänge und sind keine fotogetreuen Rekonstruktionen einzelner Anlagen.